Geld und Finanzsystem

In den letzten Jahren hat ein mangelhaft kontrolliertes und mit falschen Anreizen versehenes Finanzsystem eine problematische Entwicklung angetrieben, die zunächst in der Finanzkrise mündete und schließlich zur schwersten Krise der Realwirtschaft seit dem zweiten Weltkrieg führte. Die Reaktion der meisten Staaten – mit öffentlichen Ausgaben und Einnahmensenkungen der Krise entgegen zu wirken – zeigt, dass die Kosten der Krisenbekämpfung nun die Allgemeinheit trägt.

  • Wie muss das Finanzsystem des 21. Jahrhunderts aussehen, damit es eine nachhaltige und gerechte Wirtschaftsentwicklung bestmöglich unterstützen kann?
  • Wie kann das Finanzsystem wieder auf seine eigentliche Funktion, nämlich als ein Mittel für funktionierende reale Wirtschaftskreisläufe, zurückgeführt werden?
  • Wie kann künftigen Fehlentwicklungen vorgebeugt werden?
  • Welchen institutionellen Rahmen bedarf es dazu national, in Europa und global? Welche spezielle Rolle kann und soll dabei die EU spielen?
Geld und Finanzsystem – Geld, eine geniale Erfindung

Um ihr Reihenhaus zu finanzieren, haben Herr und Frau Klein vor zehn Jahren einen Kreditvertrag abgeschlossen. Durch ein Erbe konnte Familie Klein den Kredit 2003 vorzeitig zurückzahlen.

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Das ist nur einer der vielen Vorteile von Geld gegenüber Naturaltauschmitteln: Wer Geld benötigt, kann sich – unter bestimmten Voraussetzungen – welches ausleihen. Und wenn man Geld anlegt, kann es sich vermehren. Aus diesem Grund sollte das restliche Erbe der Kleins – rund 20.000 Euro – sicher und gewinnbringend angelegt werden. Ein langjähriger Freund der Familie riet ihnen damals zu Immobilienzertifikaten. Mangels Zeit und Kenntnissen kümmerten sich Anna und Hans Klein nur gelegentlich um ihre Investition.

Der große Schock kam im Herbst 2008: Damals rückte die US-Immobilienblase auch in das Bewusstsein der Familie Klein. Aus den Medien erfuhren sie, dass sie mit ihren Immobilienzertifikaten die Hypotheken von US-amerikanischen Hausbesitzern finanziert hatten, die ihre Kredite nicht mehr bezahlen konnten. Ein Blick in ihr Wertpapierdepot bestätigte die Befürchtungen der Familie Klein: Der Wert ihrer Zertifikate hatte sich halbiert. Dennoch: Familie Klein hatte Glück im Unglück. Sie musste nur den Verlust von rund 10.000 Euro verschmerzen, während beispielsweise viele US-AmerikanerInnen ihre Häuser verloren haben. Das Vertrauen in Finanzanlagen haben die Kleins jedenfalls verloren. Aber, fragt sich Herr Klein, was wären die Alternativen gewesen?


7 Kommentare

  1. Peter
    Erstellt am 12. November 2009 um 21:53 | Permanent-Link

    Grundlegendes Problem des Geld- und Finanzsystems ist dessen unbegrenztes exponentielles Wachstum durch Zinsen und Zinseszinsen. Solange daran nichts geändert wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zum Zusammenbruch kommt. Es müsste ein System eingeführt werden, dass einen Grenzwert zustrebt und sich an den natürlichen Wachstum orientiert, wonach ein dauerndes Wachsen nur zur Zerstörung führt (alle natürlichen Systeme begrenzen sich oder gehen unter!). Wir haben nur eine Welt und müssen uns an deren Grenzen orientieren.
    Alle bisher diskutierten Forderungen (internationale Transaktionssteuern, Abschöpfung der Gewinne durch den Staat, …) ändern nichts am exponentiellen Wachstum dieses Systems. Auch die Umverteilung von Arm an Reich ist durch damit begründet und im System grundlegend eingebaut. Eine Änderung kann nur durch grundlegende andere Spielregeln durch die Abschaffung der Zinsen (wie es alle großen Religionen wie Judentum, Christentum, Moslems seit tausenden Jahren vorschreibe aber sich kaum daran halten) erfolgen.
    Systeme dazu liefert z.B. einer der Referenten, Bernard Lietaer, in seinen Büchern wie Geld der Zukunft oder Mysterium Geld.

  2. Erstellt am 19. November 2009 um 11:20 | Permanent-Link

    Damit das Finanzsystem nachhaltig stabilisiert werden kann, ist es meiner Ansicht nach ganz wichtig, dass die Menschen über dessen Funktionsweisen, Abläufe, etc. besser aufgeklärt sind. Sie brauchen Geld-Bildung! Wie kommen Kinder in Kontakt mit Geld? Nicht in der Schule. Nicht zu Hause („über Geld spricht man nicht“). Mit 18 haben sie mehrere Versicherungen abgeschlossen und Schulden, weil: das ist ja alles so einfach … ! Erwachsene Menschen fallen auf Pyramidenspiele rein: Sind sie sich der Risiken bewusst, die sie eingegangen sind? Nein! Woher auch!
    Die Problematik liegt meiner Ansicht nach auch im Geschäftsmodell der gesamten Finanzbranche begründet: Der Erfolgsprovision. Dadurch ist die Branche in den Produktverkauf getrieben und hat keine Zeit für die Beratung und Begleitung der Kunden.
    Wir sehen beim Geldcoaching: Der Wandel zum Social Banking 2.0 vollzieht sich bereits. Die Menschen informieren sich via Internet in User – Foren oder bei Fach-Institutionen, die selbst keine Finanzprodukte verkaufen, sie leihen untereinander Geld (www.smava.de), gründen Geld -Selbsthilfegruppen und trainieren ihren Bezug zu Geld neu, lassen sich dabei coachen, um so entspannter und besser damit umgehen können. Die Menschen werden Geld-mündig! Financial Education sollte deshalb ein volkswirtschaftliches Anliegen sein.

  3. Erstellt am 13. Dezember 2009 um 11:53 | Permanent-Link

    Vernünftig wäre es zusätzlich zum staatlichen Geld, verschiedene Währungen im regionalen Sinn oder für Gemeischaften zu etablieren, also auch Geldsysteme zu demokratisieren.

    http://www.neuesgeld.com/

    http://www.valueforpeople.co.uk/

    http://www.communityforge.net/

  4. Klaus Bamberger
    Erstellt am 19. Dezember 2009 um 20:55 | Permanent-Link

    Eine entscheidende Frage dazu: Ist die Frage der Wachstumsbegrenzung tatsächlich eine Frage der kulturellen Übereinkünfte, eine Sache der Wahl, des freien Willens?

    Heinsohn/Steiger (als Beispiel) haben dies bereits in “Eigentum, Zins und Geld” beantwortet:

    “Akkumulation und Wachstum sind Resultate des Zwangs von verschuldeten Produzenten, Geldvorschüsse von Gläubigern in einer Weise zu investieren, dass in unverlängerbaren Fristen Eigentum für die stets neu anfallenden Zinsaufschläge entsteht.”

    Systemimmanenter WachstumsZWANG also. Daraus ergibt sich angesichts der oben angesprochenen Rahmenbedingungen auch ein Zwang, das System an den Wurzeln beginnend zu überdenken!

    Es reicht definitiv nicht, kollektiv einen neuen Lebensstil zu WOLLEN oder das Geld- und Finansystem besser zu überwachen etc. Nein, es muss so gestaltet werden, dass man ohne Wachstumszwang wirtschaften KANN ohne dass es sofort zu sozialen Problemen führt. Dies ist derzeit systembedingt nicht möglich.

  5. Martin Ryba
    Erstellt am 8. Januar 2010 um 09:42 | Permanent-Link

    Es werden seit neuestem Microfinance-Fonds (“Yunus”) auch für KleinanlegerInnen angeboten. Wie werden diese, über viele Schwellenländer verteilten Fonds von den KonferenzteilnehmerInnen beurteilt, insbesondere, was den tatsächlich zu den Kreditnehmern durchschlagenden Nachhaltigkeitseffekt anbelangt. Mein Eindruck ist, daß hier auch wieder die vielen zwischengeschalteten Finanzfirmen Hauptnutznießer sind, gemeinsam mit den z.T. korrupten Strukturen in den Zielländern. Gibt es nachprüfbare “Quaitätskriterien” für diese Finanzierungen?

    Ich für meinen Teil würde gerne auch die niedrigen Renditen in Kauf nehmen und einen solchen Fonds zeichnen, quasi als “Sparbuchersatz”, aber nur wenn es einen Sinn macht.

    mit besten Grüßen
    DI Martin Ryba, D.WT

  6. Erstellt am 13. Januar 2010 um 10:07 | Permanent-Link

    Die Logik des Finanzsystems treibt die Gesellschaft vor sich her. Wie die Logik tatsächlich funktioniert ist bei vielen Ökonomen nachzulesen (LInks wurden weiter oben schon geliefert). Das Finanzsystem ist sicherlich mit Schuld an unserer heutigen Situation – es ist quasi eine externe Triebfeder die dem System als ganzes fortwährendes Wachstum aufzwingt. Dieses System muss grundlegend reformiert werden.
    Doch neben dieser externen Triebfeder hat Geld per se schon eine innere Anziehungskraft. Aristoteles hat schon erkannt:
    ….Geld verdirbt nicht und lässt sich grenzenlos horten….grenzenlose Geldvermehrung zerstört die Gemeinschaft….
    Das war schon im 4. Jhdt. vor Christus.

    Will man wirklich nachhaltig etwas ändern, so muss man mMn an diesem von Aristoteles angesprochenen Punkt etwas ändern. Das wichtigste für die kommenden Jahre wird sein, dass man bereit ist bestehende Systemlogiken zu hinterfragen und nicht nur kleine Änderungen innerhalb des Systems zulässt.

  7. Erstellt am 26. Januar 2010 um 17:59 | Permanent-Link

    Der Finanzmarkt benötigt eine grundlegende Reform. Dazu braucht es mehr Transparenz, Risikokontrolle sowie einen Systemwandel in Richtung Nachhaltigkeit. Die Plattform “Ethisch-ökologische Veranlagung” der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) hat gemeinsam mit der Katholischen Sozialakademie (ksoe), dem Forum Nachhaltige Geldanlagen Österreich (FNG), dem Corporate Responsibility Interface Center (CRIC) – Verein für ethisch orientierte Investoren und dem WWF im Frühjahr 2009 ein Kommunique für eine solche Transformation vorgelegt: ein 7-Punkte-Programm für Österreich sowie Vorschläge für die Reform der internationalen Finanzmärkte in Richtung Nachhaltigkeit. Vorgeschlagen werden darin unter anderem verbindliche Nachhaltigkeitskriterien bei der Veranlagung von staatlichen oder staatsnahen Geldern, die Ausrichtung von Erfolgsprämien für ManagerInnen an nachhaltigen Kriterien und die Schaffung einer wirksamen internationalen Finanzmarktaufsicht bzw. gemeinsame Anstrengungen, um Steueroasen und „offshore Finanzplätze“ zu schließen. Nachzulesen unter: http://www.gruenesgeld.at/kommunique/index.php

    Die Plattform „Ethisch-ökologische Veranlagung“ der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) besteht aus rund 40 ExpertInnen aus Wissenschaft und Wirtschaft in Österreich und befasst sich seit Jahren mit ökologischen und sozialen Aspekten des Finanzmarktes.

    Weitere Informationen mit besonderem Fokus auf “grüne” Geldanlagen finden Sie auf der Website: http://www.gruenesgeld.at
    Eine Initiative der ÖGUT und des Lebensministeriums.

    Wir freuen uns auf eine Diskussion mit Ihnen!
    Susanne Hasenhüttl und Katharina Sammer

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