Argumentarium

Löst wirtschaftliches Wachstum unsere Probleme (wie Arbeitslosigkeit, steigende Armut, Umweltverbrauch und -verschmutzung) oder verursacht es diese Probleme erst? Wer sich mit der Notwendigkeit einer absoluten Verringerung des globalen Ressourcenverbrauchs beschäftigt, kommt um diese Frage nicht herum, denn: wir nutzen Ressourcen und Energie immer effizienter, verbrauchen aber auch immer mehr. Beim kürzlich statt gefundenen Jahrestreffen des Club of Rome in Madrid sprach etwa der scheidende IMF-Generalsekretär Rodrigo Rato von drei ernsten Risiken für das Wachstum der Weltwirtschaft:

  • die Instabilität der Finanzmärkte,
  • den Klimawandel und
  • den demographischen Wandel.

Im Mittelpunkt dieses Projektes steht Frage nach den Möglichkeiten für ein qualitatives Wachstum – für ein anderes Wachstum – stehen, das mit einer nachhaltigen Entwicklung im Einklang steht. Dies bedeutet die Bereitstellung von Leistungen und Nutzeffekten, die die Wohlfahrt der Menschen erhöhen, ohne eine Abnahme der Kapitalbestände pro Kopf zu verursachen. Um aber eine lediglich marktorientierte Betrachtung wirtschaftlicher Aktivitäten zu vervollkommnen, muss ein Ansatz mit fünf Kapitalformen herangezogen werden, der neben Sach- und Finanzkapital auch Naturkapital, Humankapital und Sozialkapital miteinbezieht. Die Erhöhung der Lebensqualität mit einer positiven subjektiven Wahrnehmung durch die Menschen sollte so zum Fokus und Ziel eines qualitativen Wachstums werden.

Das “Bedürfnis” nach ewig währendem wirtschaftlichem Wachstum, nach Wettbewerb in den Märkten und der Wettbewerb der einzelnen Menschen um sozialen Status treiben den Ressourcenverbrauch nach oben und führen für viele in ein echtes Suchtverhalten. Damit entsteht ein dauerhafter Zustand der Unzufriedenheit, in dem kein nachhaltiges Glück entstehen kann.

Wachstum schaffe Arbeitsplätze, sichere internationale Wettbewerbsfähigkeit und letztlich die Steuereinnahmen des Staates, – eine These, die im traditionellen Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge nicht von der Hand zu weisen ist. Hans-Christoph Binswanger geht davon aus, dass Geld die Wirtschaft einem permanenten Wachstumszwang aussetzt. Die tatsächliche Wachstumsdynamik wird von Geld, Energie und Imagination getrieben. Es stellt sich hier die Frage, wie sich eine Wirtschaft entwickeln würde, wenn sich natürliche Grenzen manifestieren würden, und welche alternativen geldpolitischen Rahmenbedingungen mit einem eventuell ökologisch bedingten geringen Wirtschaftswachstum kompatibel wären.

Das Argumentarium ist ein ca. 30seitiges Dokument für Nicht-Fachleute, in dem ausgehend von der EU-Nachhaltigkeitsstrategie Argumente für solch ein „anderes Wachstum” zusammen gestellt werden, indem der Fokus auf die Konzepte Lebensqualität und Wellbeing gelegt wird.

Das Buch dazu ist unter dem Titel “Welches Wachstum ist nachhaltig? Ein Argumentarium” Anfang Mai 2009 erschienen. Neben dem Wachstumsargumentarium werden 13 Gastkommentare von ausgewählten ExpertInnen veröffentlicht. Mehr dazu hier.

Ein Kommentar

  1. Ev Waginger
    Erstellt am 18. Dezember 2009 um 13:32 | Permanent-Link

    Wir sollten den Wandel zunächst und wenn es geht rasch mental durch Reflexion unserer Sprache im Zusammenhang mit Wirtschaft und Nachhaltigkeit vollziehen. Zum Beispiel wäre das Wort Wachstum aus einer Nachhaltigkeitsdiskussion weitgehend zu verbannen und etwa. durch den Begriff “Entwicklung” zu ersetzten (sustainable development legt das ohnedies nahe). Nichts desto Trotz haben sich auch die Apostel der Nachhaltigkeit bis heute nicht getraut sich vom Wachstumsbegriff zu lösen. Im Moment ist es ein Top Thema “qualitatives Wachstum” (was auch immer das sein soll) in formalen Sprachen zu messen. Wir reden vom Wandel und bewegen uns weiter im System und wollen den Wandel mit den Mitteln des Systems herbeiführen. Bewegen wir uns wenigstens einmal sprachlich aus dem System heraus und beschreiben wir die Nachhaltigkeit mit unserer natürlichen Sprache, betten wir sei ein, in unsere Kultur und versuchen wir auch die Sprachen und Bilder der anderen Kulturen nachzuvollziehen. Dies würde bedeuten sich weg von manipulativer und suggestiver Sprache zu bewegen, weg von ständigen neuen, verschleiernden Wortschöpfungen um Aufmerksamkeit zu erregen, um im Nachhaltigkeitswettbewerb aufzufallen und um alten Wein in neue Schläuche zu gießen..

Ein Trackback

  1. [...] Kaufentscheidung weniger von Werbeversprechen getäuscht als vielmehr vom Streben nach Fairness und Lebensqualität geleitet werden? Und wann werden Investoren endlich Ressourceneinsparungen bei anderen Ressourcen [...]

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